leporellos und zeichnungen

Gleichberechtigt steht neben der Objektkunst Edgar Braigs
grafisches Schaffen. So entstanden als Variation der bisherigen
Skizzenhefte 2006 eine ganze Reihe von Leporellobüchern, deren Reiz in
den vielfältigen Handhabungsmöglichkeiten liegt. Ein Leporello kann
umgeblättert werden wie ein Buch, ist komplett oder auch nur in
Teilen auffaltbar, in Ausschnitten also, deren Anfang und Länge stets neu
definiert werden kann, so dass sich immer neue Bilderabfolgen ergeben.

Das Gelenkige und Bewegliche der plastischen Arbeiten, es zeigt sich
auch hier. Was dort die Fundstücke sind, ist hier eine Bilderwelt,
die sich aus alten Lesebüchern, Bilderrätseln oder Anleitungen
für Schattenspiele speist, aber ebenso Abbildungen aus Zeitschriften
oder bedeutende Werke der Kunstgeschichte umfasst. Der Künstler entnimmt
daraus ein immer wiederkehrendes Repertoire an Bildformeln,
die teils anheimelnd, stets aber merkwürdig archetypisch anmuten.
Ein kleiner Junge, eine Vater-Mutter-Kind-Gruppe oder ein Totenschädel
gehören ebenso dazu wie vermummte Krieger, ein Astronaut oder ein Gehängter.
Daneben treten weithin bekannte, fast schon zu Chiffren gewordene Werke der
Kunstgeschichte: Cranachs Venus wie Dürers Selbstbildnis als Akt, der
„Wunderbare Fischzug“ von Konrad Witz oder die Liege Tut-ench-Amuns.
Diese wie zufällig wirkende Auswahl wird beständig variiert und
immer wieder auf neue Weise ins Bild gesetzt. Braig löst aus dem Leim
gegangene Bücher, klebt ihre Abbildungen ein, zeichnet sie nach
oder kopiert sie, schneidet einzelne Figuren aus, gestaltet ihre Silhouetten
aus Buntpapier nach oder lässt nur ihre Negativform stehen, er kombiniert
sie mit Zeichnungen oder mit Tapetenmustern. Je nachdem welche
Darstellungsform er wählt, bleibt die Figur oder der Gegenstand konkret,
wird als reine Umrisszeichnung deutlich verfremdet oder wandelt sich
als Silhouette zum bloßen Ornament. Stärker als in den Bricolagen
wird in der Grafik das Häuslich-Heimelige der Bilderrätsel und
Lesebücher mit Exotischem und Fernem konfrontiert. Ob Darstellungen Buddhas,
eine indische Kuh oder asiatische Tänzer – Fremde dringt in die
vertraute Idylle ein und wirkt teils verstörend, teils übernimmt sie
ästhetische Funktion. Mit großem Gespür für Sinnbild- und Zeichenhaftes
erfindet Braig dazu eigene Geschöpfe, etwa den „Amöbonaut“, - einem Astronauten,
der auf einer Amöbe wohnt - , ein Zwitterwesen aus Gesicht und Blume
oder eine Figur, deren Gliedmaßen und Kopf einzig als Beine gebildet sind.

Allen diesen immer wieder kehrenden Figuren ist ihre Intensität und
Ausstrahlung gemein, ohne dass ihre Bedeutung klar benennbar wäre. Die
Offenheit ihrer Interpretation ähnelt der von Träumen. Die beiden Zwerge oder
Gnome, – tanzen sie vergnügt oder bedrohen sie sich? Braigs Grafiken besitzen
etwas Traumwandlerisches. Wie bei einer Laterna Magica fügen sich seine
Bildformeln zum Reigen, schweben vorbei, scheinen kurz auf, lassen
Erinnerungsfetzen, Assoziationen anklingen, doch schon schiebt sich das
nächste Bild mit einer Variation oder Entgegnung des Ersten davor und
bietet neuen szenischen Konstellationen Raum. Die Stimmung, die diese Blätter
verbreiten, mag ambivalent sein, mitunter sogar bedrohlich, aber nie
dezidiert ausweglos. Alles bleibt im Fluss, kommentiert einander,
relativiert das Vorhergehende oder setzt formale Zäsuren.

Letztlich besitzen die Grafiken wie die Objekte Edgar Braigs nicht nur
etwas leidenschaftlich Spielerisches, sondern auch etwas sehr Tolerantes:
Sie bieten uns Möglichkeiten und eine Fülle an Auslegungen,
ohne unsere Wahrnehmung einzuengen.

Dr. Helga Gutbrod Edwin Scharff Museum Neu-Ulm