objekte

„Die Dinge finden mich“, sagt Edgar Braig über die Materialien,
aus denen er seine Objekte baut. In Bauschuttcontainern,
auf dem Flohmarkt oder bei Sperrmüllsammlungen spürt er auf,
was ihn fasziniert: Omas altes Nähtischchen, die altmodische
Blumenvase, eine ausgediente Holzkiste, einen Packen
ausrangierter Stoffmuster, nutzlos gewordene Keksdosen –
es sind gerade die in die Jahre gekommenen Dinge, für die er
ein Auge hat. Gegenstände, denen man ihr Alter ansieht, die
nun abgenutzt oder fleckig sind, zur Seite gelegt und schließlich
achtlos weggeworfen werden. Edgar Braig sichert solche Spuren
einer zurückliegenden Zeit, Spuren, die an „früher“, an „Kindheit“
denken lassen oder eine Geschichte in sich zu tragen scheinen.

Doch begnügt er sich nicht mit einem Archiv des Gestern.
Verklärende Rückschau ist nicht sein Ziel; der heilen Welt,
die im spießigen Blumentischchen oder der abgegriffenen
Spiele-Sammlung aufscheint, entkommt er durch ironische
Brechungen und bewusst belassene Schäbigkeit. Formale
Schönheit, so Braigs überzeugung, besitzen gerade auch karge
und armselige Objekte. So gleitet die den Fundstücken
innewohnende Poesie nie ins Niedliche ab, sie darf ihre
Schmutzränder behalten.

Der Künstler kombiniert das einmal Gewählte mit anderen
Materialien, ergänzt sie durch eigene, oft vermeintlich funktionale
Vorrichtungen. Damit erschließt er den Dingen neue
Zusammenhänge und Bezüge, wodurch sie über ihren
ursprünglichen Kontext hinausweisen. Dabei lenken die ersichtlich
miteinander verschraubten, verdrahteten oder verschnürten
Einzelteile den Blick auf die alte Tugend des sich Behelfens,
auf das Ausbessern, Basteln, das Tüfteln und Erfinden.
Braigs Schöpfungen – sie sind gleichermaßen geistesverwandt
mit Leonardos technischen Visionen wie mit Daniel Düsentriebs
verschrobenen Ideen.So entstehen unter seinen Händen
kleinteilige, gelenkige Objekte, die häufig eine Mobilität oder
einen Nutzen vortäuschen, der erst auf den zweiten Blick
ad absurdum geführt wird.

Ob „Rollschuh-Lampe“ oder „Fragment“, - funktional sind sie
letztlich nur auf eine Weise: Sie werden zu Vehikeln unserer
Assoziationen. Denn so beweglich wie diese Bricolagen erscheinen,
so fließend ist auch ihre Interpretierbarkeit. Zwar mögen viele
der Einzelteile klar benennbar sein, in ihrer Zusammenstellung
verweigern sie sich jeder eindeutigen Auslegung. Als grandiose
Tüfteleien, die - fast zärtlich - vermeintlich Nutzlosem
ihren Wert zurück geben und doch augenzwinkernd daherkommen,
loten sie Tragik und Idylle alles Heimeligen aus.

Dr. Helga Gutbrod Edwin Scharff Museum Neu-Ulm